[zurueck] [Itinerarium -- Reiseberichte aus aller Welt]

 

 

Frankreich im Zeitalter des TGV

von Malte Fuhrmann

 

Der Sommer in Mitteleuropa war fast vorbei, ich aber freute mich auf meine Fahrt nach Frankreich, ans Mittelmeer. Mit den modernen Hochgeschwindigkeitszügen ICE, Thalys und TGV kann man, seit die Neubaustrecke des TGV Mediterranée fertig ist, den weiten Weg von Berlin nach Montpellier in nur 13 bis 14 Stunden schaffen.

Der TGV: TGV – nehmen Sie sich die Zeit, schnell zu sein. Mit dem TGV Méditerranée reist ganz Frankreich anders. Eine Stunde gewonnen auf Ihren Reisen von und zum Mittelmeer, neue Zubringer, noch zahlreichere TGVs auf den meisten Verbindungen, Fahrpläne, die auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt sind, und Serviceleistungen, die Ihnen die Reise noch einfacher und das Leben so angenehm wie möglich machen sollen...

Sollten Sie die Hotline, tgv.com oder Minitel wählen und Ihre Fahrkarten per Kreditkarte bezahlen, können Sie sie direkt nach Hause geschickt bekommen. Eine exzellente Möglichkeit, vorteilhaft Ihre freie Zeit zu nutzen.

Wir sitzen in einem Wagen, der aus St.-Guilhem-le-Desert, einem hübschen Bergdorf im Languedoc, zurück in Richtung Küste fährt. Wir passieren die Teufelsbrücke, eine Sehenswürdigkeit der Gegend. Sie hängt malerisch über einem Gewässer, in dem man im Frühjahr baden kann, das aber jetzt im Spätsommer fast ausgetrocknet ist. Als unser Wagen an ihr vorbei rast, drückt ein Mann am Straßenrand auf seinen Fotoapparat. Er ist klein, hat schwarze Haare, eine hohe Stirn und trägt einen legeren Anzug. Ich denke, er wollte die Brücke knipsen und unser schnell fahrender Kleinbus hat ihn überrascht. Doch unser Fahrer, der in St. Guilhem als Bergsteigerlehrer arbeitet, belehrt uns eines Besseren. Seit fünf oder sechs Jahren steht dieser unauffällige Mann an der Landstraßenkreuzung bei der Teufelsbrücke und knipst die vorbeifahrenden Autos. Er hat sich sogar eine Spezialausrüstung mit eigenartig aufmontierten Taschenlampen gebastelt, damit er seiner Tätigkeit auch nachts nachgehen kann.

Der ICE: Im Zuge unseres 3-S-Programms haben wir eigens ein Sicherheitskonzept »nach Plan« entwickelt: So sorgt während der gesamten Öffnungszeiten schon im Vorfeld die starke Präsenz von speziell ausgebildeten Sicherheits-Teams unseres Partners BSG (Bahn Schutz & Service GmbH) für ein Höchstmaß an Schutz, Sicherheit und Service. Diese Teams achten u.a. auch darauf, dass die Hausordnung von allen Bahnbesuchern eingehalten wird. Darin sind klar, verständlich und freundlich Verhaltensweisen geregelt, die auf gegenseitiger Rücksichtnahme beruhen.

Und im Falle eines Falles führen die enge Koordination per Funk mit der 3-S-Zentrale sowie eine ständige Kameraüberwachung aller Publikumsbereiche zum frühzeitigen Erkennen und – durch promptes Eingreifen – zur Verhinderung von unangenehmen Situationen.

In dem vollen TGV von Montpellier nach Paris am Morgen stellt sich ein Mann um die 30 an das Ende des Ganges und wendet sich an die Reisenden. Er erzählt von seiner Haftentlassung und wie er sich eine Existenz aufbauen will. Sein Vortrag hat nichts von den verschämten, untertänigen Schnorrern, die man in der Berliner U-Bahn zu hören kriegt. In einer guten Mischung aus Schelte gegen den versagenden Sozialstaat und Höflichkeitsfloskeln gegenüber dem Publikum, mit deutlicher Stimme überzeugt seine Rhetorik. Als er den Gang abschreitet, hört man zahlreiche Münzen klingeln.

Der Thalys: Preise in Euro pro Person, für alle Fahrten zwischen 30. September 2001 und 15. Juni 2002 inklusive. Einfache Fahrt (1. Klasse / 2. Klasse). Paris – Brüssel: 98,1 / 61,2; Paris – Amsterdam: 131,8 / 81,3; Paris – Düsseldorf: 135,8 / 86,5; Bellegarde – Brüssel: 176,7 / 115,7.

Das Leben in Frankreich ist teuer, es sei denn man geht ins Araberviertel. Für 7 Francs genießt man ein Glas süßen, sehr starken Minzetee unter den sich gelblich verfärbenden Straßenbäumen. Ich bin der einzige blonde Gast im Café und meine Freundin aus Montpellier die einzige Frau, was einige schräge Blicke von den anderen Tischen auslöst, aber wir genießen den warmen Herbsttag. Auf der anderen Straßenseite der Avenue Gambetta tobt der Samstagsmarkt. Das System ist für Neue etwas unübersichtlich. Die Obst- und Gemüsekisten sind im Kreis angeordnet, in der Mitte zwischen ihnen stehen einige Verkäufer. Man muß sich eine Plastikschüssel nehmen, darin alle gewünschten Waren von allen Seiten des Standes sammeln, was bei dem großen Andrang eine Weile dauert. Die wenigen sichtbaren Preisschilder sind meist umgestürzt. Schließlich reiht man sich in eine der langen Warteschlangen zwischen Bergen von Kohlköpfen, Möhren und Tomaten ein, um von den Händlern in der Mitte die Ware auswiegen zu lassen. Man weiß von den gesammelten Sachen zwar weder Preis noch Menge, dennoch kommt jedesmal eine erstaunlich niedrige Summe heraus für einen förmlichen Obst- und Gemüseberg.

Der TGV: Ein besserer Komfort an Bord – Mit dem TGV Méditerranée genießen Sie die neusten Materialien und die letzten Verbesserungen in Sachen Komfort: Die TGV Duplex bieten Ihnen einen Panoramaausblick von den oben gelegenen Sitze oder die ruhige Atmosphäre auf den unten gelegenen Plätzen; Beinfreiheit; in bestimmten TGVs Steckdosen in der ersten Klasse, um Laptops oder andere Apparate anzuschließen, oder auch einen Telefonierplatz, um Ihre Gespräche diskret führen zu können. Und um sich während Ihrer Reise abzulenken, wird Ihnen das Magazin France TGV in der ersten Klasse angeboten.

Es ist Eisenbahnerstreik. Gerade haben wir erfahren, daß heute, Freitag, nur ein einziger Zug von Montpellier nach Toulouse, wo wir eine Freundin besuchen wollen, fährt. Wir werfen unsere Sachen schnell zusammen und eilen zum Bahnhof. An eine Fahrkarte ist bei den Massen, die vor den wenigen offenen Schaltern stehen, nicht zu denken. Auf dem Bahnsteig drängen sich ebenfalls die wagemutigen Reisenden. Der einfahrende Zug führt die maximale Anzahl Waggons, doch es reicht immer noch nicht, um die Passagiere aufzunehmen. In allen Gängen stehen die Menschen eng gedrängt und können sich nicht vom Fleck rühren. Wir haben Glück: Der letzte Waggon, in dem wir uns befinden, ist zur Hälfte Postwagen. Der Schaffner schließt die ansonsten versperrte Tür auf und wir verteilen uns auf dem hölzernen Boden. Nur wenige Menschen finden aus den Gängen zum Postwagen. Wir verteilen einen Stapel liegengebliebener Zeitungen untereinander, die das Sitzen auf dem Holzboden bequemer machen. Anfangs herrscht Unsicherheit, ob das exklusiv eingerichtete Zusatzabteil nun Raucher oder Nichtraucher sei, doch schließlich setzt sich der Grundsatz durch, daß erlaubt ist, was nicht verboten ist. Einige plaudern anläßlich der ungewohnten Umstände der Reise, eine Frau verteilt Kekse, ich schaue durch das Gitter auf den vorbeiziehenden Canal du Midi. Keiner beschwert sich über die Forderungen oder die Taktik der Eisenbahner. Mit nur einer Stunde länger als gewöhnlich erreichen wir Toulouse.

Der ICE: An allen Plätzen können Sie zwischen 8 Hörprogrammen wählen, davon 4 bordeigene und 4 Radiosender. Kopfhörer können Sie bei unseren Zugbegleitern erwerben.

Vor dem Bahnhof von Montpellier spielt jemand Gitarre; eine Gruppe junger Männer steht um ihn und tanzt, klatscht und singt die Lieder, die ich zuvor nur als Radiohits von Gipsy Kings, nie aber live gehört habe, mit. Sie sprechen untereinander die Sprache der Kale, das heißt eine nach Spanisch klingende, aber von ihr weit entfernte Mundart. Einer ruft: »Die Straßenbahn!« und die Gruppe rennt auf die andere Seite der Gleise, wo sie sich unter Beteiligung am allgemeinen Geschiebe in die überfüllte Tram begibt.

Der Thalys: Verbesserung des Taktes zwischen Paris und Brüssel – Die Anzahl der Thalys-Züge zwischen Paris und Brüssel ist noch einmal erhöht wurden: bis zu 25 Thalys verkehren künftig in beiden Richtungen.

Nachdem wir auf unserem weiten Fußweg vom Badeort Palavas der Küste entlang die Abtei von Maguelone aus dem 12. Jahrhundert, die einsam zwischen Meer und Sümpfen liegt, umrundet haben, gibt es eine unangenehme Überraschung: Der Weg, den wir von der Abtei aus zurück Richtung Montpellier einschlagen wollten, bleibt uns versperrt durch den Kanal. Der Weg, der zuvor auf der Karte nach einem perfekten Rundweg aussah, scheitert an weniger als 50 Meter Wasser. Auf der anderen Seite ist die kleine Pontonbrücke am Ufer vertaut, ein Hinweis erläutert ihre Einsatzzeiten: von April bis September, 10 bis 18 Uhr. Es ist Oktober. Eine letzte Hoffnung kommt uns: Am anderen Ufer steht eine Gruppe lautstark sich unterhaltender Fischer vor einer Hütte, unterhalb welcher einige kleine Motorboote vertaut sind. Mangels souveräner Beherrschung der französischen Sprache kann ich unangenehme Bitten immer auf meine Freundin abwälzen. Nach einer Zigarette sammelt sie Mut und brüllt quer über den Kanal laut, damit sie die Gespräche der Fischer übertönt,

»Excusez moi, messieurs, peuvez vous nous aider à traverser le canal?«

Einen Augenblick scheint es mir, als ob die Fischer uns ignorieren. Sie setzen ihre Gespräche fort. Warum sollten sie sich auch um zwei der bestimmt zu anderen Zeiten zahlreichen Ausflügler kümmern? Erst dann bemerke ich, daß ein älterer Mann kommentarlos zu seinem Boot gegangen ist und die Leinen losmacht. Er wirft den Motor für den kurzen Weg nicht an, sondern stakt das Boot hinüber. Wie uns unser Gondoliere an Land bringt, scherzt ein anderer Fischer:

»Bei dem wäre ich nicht eingestiegen.« Sie sprechen untereinander ein absolut unverständliches Französisch (ist das die langue d'oc?). Ein weiterer Fischer nimmt uns mit seinem Auto mit aus dem Sumpfland nach Villeneuve. Der letzte Bus ist gefahren, wir fahren bei einer Musiklehrerin nach Montpellier mit.

Der TGV: Sie verfügen über mehr Freizeit? Nutzen Sie sie, um häufiger zu Ihren Lieblingszielen zu fahren.

Es ist halb Drei nachts, als wir die Geburtstagsfeier verlassen und uns auf den Heimweg machen. Wir passieren den Montpellierer Bahnhof und kommen dann an einer der wenigen Diskos der Stadt vorbei, die spät nachts noch auf hat. Vor der Tür steht eine Anzahl Nachtschwärmer. Aus der Gruppe heraus entwickelt sich ein Wortgefecht, und plötzlich beginnen zwei Gruppen junger Männer brutalst aufeinander einzuschlagen. Die Prügelei ist ebenso heftig wie sie kurz ist, nach wenigen Minuten gehen die Gruppen auseinander. Beide Seiten kümmern sich um ihre jeweiligen Verwundeten. Meine Freundin, die erst seit zwei Jahren in Frankreich lebt, erklärt mir, daß scheinbar ziellose Gewalt, vor allem in den frühen Morgenstunden und an Wochenenden, nicht unüblich ist.

Der Thalys: In der 1. Klasse wird Ihnen montags bis freitags (zwischen Marne-la-Vallée und Genf täglich) eine Auswahl an Tageszeitungen und, abhängig von der Tageszeit, ein Imbiß angeboten:

  • ein Frühstück: Getränk nach Wahl, Croissants, Käse oder Aufschnitt, Obstsalat oder Joghurt;
  • ein Snack: Getränk nach Wahl, Sandwiches, Kuchen und Obst;
  • eine leichte Mahlzeit: Getränk nach Wahl, Vorspeise und kaltes Hauptgericht, Brot und Dessert.

Nach Mitternacht werden Montpelliers Katzen unruhig. Sie versammeln sich unter dem Denkmal des St. Roch und im gegenüberliegenden Garten (zwischen den eng gedrängten Mietshäusern finden sich in der mittelalterlichen Stadt zahlreiche großzügige Anwesen, ehemalige Konvente oder Stadtsitze von Adligen) und warten auf ihre Speisung. Sie kommt immer zu sehr unterschiedlichen Zeiten, diese Nacht wird es drei Uhr. Die alte weißhaarige Frau wohnt in einer Wohnung im Zigeunerviertel. Sie transportiert das Essen auf ihrer nächtlichen Runde in einem Kinderwagen, an dessen Stangen noch zahlreiche Tüten hängen. An der Ecke, wo St. Roch steht, nimmt sie sich Zeit. Sie schafft mit einem großen Kochlöffel das Essen durch das Gartentor, sie vertreibt die übereifrigen Katzen, die auf Grund ihrer höheren Stellung in der Hackordnung eine Extrawurst einfordern, sie redet mit ihren Schutzbefohlenen.

Der TGV: TGV – nehmen Sie sich die Zeit, schnell zu sein.

Der Frankreichaufenthalt ist vorbei und ich sitze in einem zuschlagfreien Zug, der weit ab von allen Hochgeschwindigkeitstrassen sich in gemäßigtem Tempo durch die Hügel von Franche Comté und des Elsaß windet, während ich diese Worte schreibe.

Malte Fuhrmann dankt einer Vielzahl anonymer Werbetexter.

 

Januar 2002

 


© Itinerarium 2002 – WebDesign: Eric Boerner