[zurueck] [Itinerarium -- Reiseberichte aus aller Welt]

 

 

Kuršumli an

von Ulrich Büchsenschütz

 

Manchmal kommt man ins Grübeln, ob man denn wirklich unbedingt eine Story schreiben soll. Noch während man sich die Worte dafür zurechtlegt, beschleicht einen das ungute Gefühl, daß man mit der Veröffentlichung möglicherweise einen Schaden anrichtet, der nicht wieder gut zu machen ist. Oder daß man möglicherweise die Magie eines Augenblickes oder eines Ortes auf immer zerstört, indem man das Geheimnis preisgibt.

* * *

[Bierflaschen] Es war nicht leicht, in den Kuršumli an zu kommen. Mein erster Versuch, direkt in die alte Karawanserei zu gehen scheiterte; sie war verschlossen. Ich sah mich um, aber niemand schien zuständig zu sein, mir die Tür zu öffnen. Also beschloß ich, mir zunächst das Museum anzusehen, das mit seiner Betonkonstruktion so gar nicht in die Altstadt mit ihren kleinen Häusern passen will. Im Museum würde dann schon jemand wissen, ob und wie ich hineinkomme.

Also hatte ich mir zuerst einmal eine Eintrittskarte gekauft und anschließend einen Kaffee getrunken im Buffett des Muzej na Makedonija und war dann gemütlich durch die verschiedenen Ausstellungen geschlendert. Die archäologische hatte ich mir erspart, weil mir alte Steine und Töpfe relativ wenig sagen und die meisten archäologischen Ausstellungen, die ich bis jetzt gesehen hatte, mich eher ratlos zurückließen. Das gilt auch für die Ausstellung im Muzej na grad Skopje im alten, halb zerstörten Bahnhofsgebäude, die ich mir ebenfalls in diesen Tagen angesehen habe. So beeindruckend die Exponate im einzelnen auch sein mögen – vor allem die »Golema majka« hat es mir angetan – so sehr fehlten gerade hier die erklärenden Worte. Eine Liste mit den Exponaten und einer groben zeitlichen Zuordnung hat meinen Wissensdrang nicht erfüllt. Das tat auch nicht die Ausstellung in der ethnologischen Abteilung des Muzej na Makedonija, die ebenfalls keinerlei Erklärung zu den ausgestellten Trachten aus den unterschiedlichen makedonischen Gegenden lieferte. Und die historische Ausstellung, die die wichtigsten Etappen der makedonischen Geschichte seit dem Mittelalter zum Inhalt hat, sie war mit Erklärungen so überfrachtet, daß ich mir nicht die Mühe gemacht hatte, sie zu lesen.

[Tito-Banner] Die Auswahl der ausgestellten Gegenstände im historischen Teil des Museums erinnerte mich – besonders bei dem Teil, der den nationalen Befreiungskampf des makedonischen Volkes darstellen soll – stark an das »Museum der Revolution« in Havanna. Waren im kubanischen Museum noch die verschwitzten Unterhemden von Che Guevara (oder war es ein anderer Revolutionär?) und sogar ein ausgestopfter Esel der kommunistischen Rebellen neben der mit Perlmutt und Silber verzierten Pistole des von ihnen vertriebenen Diktators Battista zu sehen, so lagen auch hier neben allerhand Waffen und sonstigen kriegsbedingten Ausrüstungsgegenständen die – vermutlich handgestrickten – Socken eines makedonischen Revolutionärs, dessen Name mir inzwischen entfallen ist. Hier wie dort waren die Erklärungen der Geschichte nur in der jeweiligen Landessprache: spanisch in Havanna, makedonisch in Skopje. Gleichwohl machte das kubanische Museum einen etwas gelasseneren Eindruck, was wohl auch daran gelegen hat, daß durch die hellen Räume ein angenehmes Lüftchen vom Meer her wehte, während die Ausstellungsräume in Skopje in fahlem Licht nicht ahnen ließen, daß draußen ein herrlicher Frühsommertag gerade seinem Höhepunkt entgegenging.

Ich weiß nicht genau, warum ich mir den Kuršumli an bis zum Schluß meines Rundganges durch das Muzej na Makedonija aufgehoben habe; vermutlich weil ich mir nicht vorstellen konnte, was mich dort erwarten würde. Ich hatte gedacht, daß ich eine Karawanserei wie die beiden anderen vorfinden würde, die nach dem Erdbeben von 1963 wieder aufgebaut wurden: den Kapan an mit seiner gastronomischen Nutzung und den Suli an, in dem heute die Kunstakademie und das Muzej na starata caršija untergebracht sind.

Nun hatte man mir also den Wärter gerufen, der mir das Tor öffnen sollte. Er kam, verscheuchte die Kinder und den Hund, der an einem riesigen Knochen nagte und schloß mir dann ein niedriges Türchen auf, durch das ich mich ins Innere der Karawanserei zwängte. Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob der Kuršumli an immer noch seiner früheren Funktion als Lapidarium des Museums dienen würde: der Ort, an dem die steinernen Zeugen der Vergangenheit aufbewahrt werden, die im Museum nicht ausgestellt werden. Mit dieser Zweckentfremdung schien die lange Geschichte eines Ortes zu Ende zu gehen, an dem sich früher vor allem Menschen aufgehalten haben: die einen freiwillig, um als Geschäftsreisende in der Karawanserei hinter den massiven Mauern Schutz zu suchen; die anderen unfreiwillig, als Gefangene einer Macht, die die gleichen Mauern als Schutz gegen die Eingesperrten benutzte.

Tatsächlich, hier im schattigen Innenhof des Kuršumli an konnte man es spüren, wie viel Geschichte eigentlich wirklich in Skopje ist. Sechs- oder siebentausend Jahre Siedlungsgeschichte hinterlassen eben ihre Spuren, auch wenn in der Stadt davon heute nur noch wenig zu sehen ist. Auch die allerjüngste Geschichte des Bauwerks war vertreten durch herumliegende leere Flaschen und Zigarettenkippen. Das Gebäude selbst war mir nicht so wichtig. Es ist schließlich auch erst vor ein paar Jahren wieder aufgebaut worden, nachdem es vom Erdbeben zerstört worden war.

Hier geht es nicht mehr darum, wie in einem Museum die Geschichte auszustellen, zu erklären oder zu interpretieren. Hier landet das, was nicht ausgestellt, erklärt und interpretiert werden soll. Hier liegt die Geschichte auf Abruf, bereit erneut zu aktiviert oder aber vergessen zu werden. Hier zeigt sich deutlich, daß auch die Geschichte der Konjunktur unterworfen ist. Ähnlich wie in der Wirtschaft wird auch der Wert einzelner historischer Epochen durch Angebot und Nachfrage reguliert. Das Überangebot an Vergangenheit senkt den Wert einzelner Überreste; das Überangebot an künstlich erzeugtem Heldenmythos hat dessen Wert in den vergangenen Jahren rapide verfallen lassen.

Die Partisanenköpfe und das kleine Denkmal, die im Anbau des Kuršumli an auf dem Weg zu den Toiletten herumliegen, sprechen dafür Bände. Die Gedenktafeln, die vermutlich vor dem Erdbeben einmal an Häusern angebracht waren und so an heroische Ereignisse erinnern sollten, die in ihnen stattgefunden haben, diese Tafeln stehen hier auf dem Kopf an einer belanglosen Mauer zu Dutzenden, einsam und getrennt von Ort, der vermutlich nicht mehr existiert. Irgendwo, in einem der vielen Räume wird an Tito erinnert.

Aber es ist nicht nur die jüngere Vergangenheit, die Zeit des nationalen Befreiungskampfes (NOB), woran offensichtlich nicht mehr so intensiv erinnert werden muß; nicht mehr alles, was hier an Skulpturen und Gedenktafeln auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wurde, ist für die Erinnerung wichtig. In der Stadt, wahrscheinlich in jeder makedonischen Stadt wird das Angebot noch groß genug und für jedermann zugänglich sein, wenn es auch meist übersehen wird, weil sich das Auge daran gewöhnt hat.

Was die Magie dieses Ortes ausmacht, ist vielmehr die Mischung, die man hier vorfindet. Hier liegen verstreut und wild durcheinander mal eben, grob geschätzt zweitausend Jahre Geschichte. In die Ecken ehemaliger Gästezimmer und Kerker im ersten Stock des Kuršumli an stehen Reliefs aus byzantinischer Zeit neben ein paar Jahrzehnte alten Modellen von historischen Gebäuden. Auf der Galerie stapeln sich Berge von Filmdosen [für Kinofilme], die einmal Filme jugoslawischer Produktion enthielten; ich wagte nicht zu überprüfen, ob sie leer sind.

In einer Ecke des nicht überdachten Anbaues gurren Tauben in ihrem Schlag. Statuen liegen im Gras, auf einem Kasten ein rostiger deutscher Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg. Munitionskisten mit der Aufschrift »Zavod za zaštita na spomenicite na kulturata« [Behörde für den Schutz der Kulturdenkmäler], leer. Und aus einer anderen Welt, jenseits der massiven Mauern, eine in ihrer Zufälligkeit kaum zu übertreffende Parodie all dessen, ein Ball mit dem Konterfei des ultimativen Heldentums: Superman.

[Muellkippe]

Ich gehe sprachlos zwischen wild durcheinander geratenen Bergen von Geschichte umher, immer neues entdeckend. Besinnungslos fotografiere ich ein Bild nach dem anderen in der prallen Mittagssonne. Ich merke nicht mehr, wie mir der Schweiß über Gesicht und Rücken läuft. Wer weiß, was sich unter meinen Füßen noch alles befunden hat, das ich achtlos zertreten habe?

* * *

Noch nie habe ich soviel Geschichte an einem Ort, wortwörtlich: auf einem Haufen erlebt. Ich habe den Gang, den Aufstieg und Fall der historischen Ereignisse und den Umgang der folgenden Generationen damit im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib, mit eigenen Augen erleben dürfen. Die Betonung liegt hier auf dürfen, denn es ist eine Gnade des Schicksals gewesen, die mich an diesen verwunschenen Ort geführt hat und ich bin dankbar dafür. Im ersten Moment, nachdem ich den Kuršumli an verlassen hatte, verspürte ich eine große Befriedigung, wie nach einem guten Buch, einem beseelten Konzert oder einem atemberaubenden Naturerlebnis.

Gleichzeitig beschlich mich ein tiefer Zweifel, ob ich je darüber sprechen soll, was ich dort gesehen habe. Aber schließlich hielt ich es für egoistisch, so etwas nicht mit anderen zu teilen. Und ich empfand Empörung über den sorglosen Umgang mit einer solch reichen Sammlung von stummen Zeugen der Vergangenheit. Ein Bekannter fragte mich später: »Wieso denn nicht? Wieso soll man denn immer alles aufheben und bewahren, wieso soll nicht mal was kaputtgehen dürfen?«

Vielleicht hat er Recht. Und gerade dann, wenn man zuviel Geschichte hat. Wieso soll man nicht wegwerfen, was man nicht mehr braucht? Eine passendere Antwort auf diese Frage als die, die man im Kuršumli an findet, gibt es nicht. Abgelegte Geschichte als Kunstwerk des Alltags, das tagtäglich weiter wächst und überwuchert wird von einer Vegetation, der es nichts ausmacht, ob unter ihr die Produkte eines Römers oder Serben, Albaners, Türken, Bulgaren oder Makedoniers begraben liegen.

Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Ich plädiere nicht dafür, daß im Kuršumli an aufgeräumt, geordnet und sortiert wird. Ich plädiere vielmehr dafür, daß dort weiterhin so verfahren wird wie bisher. Und daß sich jeder, der in der Stadt ist, den Kuršumli an ansieht, sich von der ihm gefangen nehmen läßt und sich seine eigene Meinung dazu bildet.

(veröffentlicht als: »Premnogu istorija na eden kvadrat [Zuviel Geschichte pro Quadratmeter]«, in: Forum (Skopje) 3 (2000) no.61, 70-71)

Skopje, im Mai 2000

 


© Itinerarium 2001 – WebDesign: Eric Boerner