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Mittendrin und doch am Rand

von Ulrich Büchsenschütz

 

Am Anfang, d. h. wenn man, von Norden kommend, aus der Leibnizstraße links in die Niebuhrstraße einbiegt, steht rechter Hand ein großer Backsteinbau: das alte Abspannwerk aus den zwanziger Jahren. Heute ist es ein Bürogebäude mit dem kryptischen Namen MetaHaus. Wahrscheinlich war das ganze für vermeintliche Internet Start-Ups gedacht, die es inzwischen aber nicht mehr gibt. Keine Ahnung, was hier für Firmen sitzen. Die linke Straßenseite könnte so oder ähnlich in jeder Berliner Gegend stehen. Die rechte aber nicht.

Denn hinter dem Backsteinbau steht ein Häuserensemble aus den zwanziger Jahren, wie sie nur noch sehr selten zu sehen ist. Niedrige, zweistöckige Reihenäuser, schmutziggrau und offensichtlich seit Jahren nicht mehr renoviert, hat man hier quer zur Straße gebaut. Die Eingänge zu den Reihenhäusern liegen an einem Weg rechts des Blockes. Weitere Eingänge zu dem merkwürdigen Gebäudekomplex liegen auf der Rückseite, dort wo nur noch ein paar Schrebergärten die Niebuhrstraße von der Stadtbahntrasse trennen.

Niebuhrstraße 14-19, im Hintergrund das MetaHaus

Auf dieses Komplex, auf den wir später noch genauer zu sprechen kommen, folgt ein ehemaliger Recyclinghof der Berliner Stadtreinigung (BSR). Zwischen dem Hof und der Wilmersdorfer Straße, wo die Niebuhrstraße endet, liegen noch einige Wohnblocks, wie man sie eher selten findet in dieser Gegend von Charlottenburg. Es handelt sich um Gebäude des Berliner Wiederaufbauprogramms der fünfziger Jahre. Schnell gebaute, vollkommen schmuck- und glanzlose Einheitsarchitektur mit engen Wohnungen.

Wie gesagt, die andere Straßenseite ist nicht halb so interessant wie diese. Gründerzeit-Mietshäuser, ein paar Fünfzigerjahre-Bauten dazwischen - die übliche Berliner Mischung eben

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Zurück zu dem schwarzgrauen Bau. Nein, an sich ist er nicht ungewöhnlich, vor allem nicht, wenn man manche westdeutsche Industriestädte kennt, im Ruhrgebiet, im Rhein-Main-Gebiet, zum Beispiel. Aber hier in Berlin, noch dazu mitten in Charlottenburg, in dieser speziellen Gegend von Charlottenburg, hier wirkt dieser Wohnblock absolut deplaziert. Nicht nur wegen seiner Bauart, wegen der angrenzenden Schrebergärten und der benachbarten eigenartigen Nutzbauten. Sondern auch wegen seiner Bewohner.

Denn hier wohnen nicht etwa wohlsituierte Charlottenburger wie in vielen anderen Straßen dieser Gegend, auch in dem längeren Stück der Niebuhrstraße zwischen der Leibnizstraße und der Bleibtreustraße. Hier wohnen, bei aller Vorsicht, die man hier als Außenstehender walten lassen sollte, hier wohnen Leute, die am unteren Ende der Einkommensskala stehen.

Niebuhrstr.14-19, vom Eingang zum Hof des MetaHauses gesehen

Das macht auch Sinn, denn die Mieten in diesen kleinen Häusern sind für Berliner Verhältnisse extrem niedrig, genau wie der Standard in den Wohnungen selbst. In der einen Wohnung, die ich gesehen habe, gab es kein Bad, keine Heizung, nur Minimalausstattung mit einem kleinen Kanonenofen im Wohnbereich, in der Küche einen Gasherd, aber keinen Warmwasserboiler. Im Schlafzimmer war überhaupt keine Heizmöglichkeit. Und das in einem Haus, in der Keller und auch die Mauern so feucht sind, das man es riechen kann. Noch bei der größten Sommerhitze herrscht eine klamme Kälte in der Wohnung, die durch und durch geht und sich noch in der Kleidung des Besuchers festzusetzen scheint. Von den Kellern muss man hier gar nicht erst sprechen. Sie eignen sich wahrscheinlich hervorragend zur Pilz- und Schimmelzucht. Zur Aufbewahrung von Gegenständen eignen sie sich sicher nicht.

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Mir ist nicht klar, wieviele Wohnungen es in dem Block eigentlich gibt. Wenn man davon ausgeht, dass es pro Aufgang vier Wohnungen sind, dann kommt man bei sechs oder sieben Aufgängen auf zwanzig oder dreißig Wohnungen. Nun sollte man aber nicht denken, dass es sich bei diesen Behausungen um »normale« Wohnungsgrößen handelt; vielleicht waren sie es, als das Haus gebaut wurde. Wahrscheinlich haben in den anderthalb Zimmern (so groß sind die Wohnungen) damals auf vierzig oder so Quadratmetern ganze Familien gelebt; vermutlich leben in manchen der Wohnungen auch heute noch ganze Familien. Aber heute man kann wohl kaum noch von »normalen« Wohnungsgrößen sprechen.

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Der Dichter und Übersetzer, der ungenannt bleiben möchte, ist vor einiger Zeit in diese Wohnanlage in der Niebuhrstrasse eingezogen. Jetzt lebt er in einer Erdgeschoßwohnung am hinteren Ende. Um zum Eingang zu gelangen, geht man einen Fußweg am Gebäude entlang, der mit einem runden Tordurchgang endet. Auf der rechten Seite des Durchgangs ist noch ein leerer Raum mit Fenstern, wodurch ein gespenstischer Eindruck entsteht. Von seinem Schreibtisch aus, an dem der Übersetzer und Dichter den Großteil des Tages verbringt, kann er sehen, wer ihn besuchen kommt.

Niebuhrstr.14-19, der Tordurchgang

Er musste seinerzeit sein Zimmer in einer herrlichen Altbauwohnung in der Pestalozzistraße aufgeben, nachdem der Wohnungseigentümer Eigenbedarf geltend gemacht hatte. So wurde die jahrelange - fast ist man versucht, es Symbiose zu nennen -, also das jahrelange Zusammenleben zwischen ihm und dem eigentlichen Mieter, einem Maler und Säufer, zerstört. Beide, der Dichter und der Maler, fanden neue Wohnungen in der Nähe, so dass sie nicht einmal den Kiez verlassen mussten. Der ungenannte Dichter in der Niebuhrstraße, der Maler in der parallelen Kantstraße.

In der alten Wohnung, die fünf oder sechs Zimmer hatte, lebten die beiden mit wechselnden Mitbewohnern - meistens irgendwelche Künstler oder Literaten oder solche, die es gerne gewesen wären. Obwohl die Wohnung groß und geräumig war, war auch sie minimalistisch ausgestattet: keine Waschmaschine, in der Küche nur das nötigste. Und sie war einigermaßen sauber. Auch die nikotingelben Wände wurden regelmäßig gestrichen. Die große Frage war, wie es dem saufenden Maler und dem einsamen Dichter in ihren neuen Wohnungen ergehen mochte. Nein, sie waren keine Einsiedler, und sie beide sind auch heute noch gut in einen Kreis integriert, den man als Alt-Charlottenburger Künstlerszene bezeichnen konnte. Keine »grossen« Namen, aber alle einigermaßen arriviert, konnten sie mehr oder weniger von ihrer Arbeit leben.

Am Hintereingang zur Niebuhrstr.14-19

Bis auf den Dichter und Übersetzer. Der hatte in all den Jahren selten für Geld gearbeitet, mal auf dem Bau, mal bei Siemens, mal bei Karstadt oder auch bei Schering. Immer nur für ein paar Wochen, immer als Student. Dann war das Studium irgendwann vorbei und kein Abschluss in Sicht. Nicht, dass er faul ist. Im Gegenteil. Er schreibt ohne Ende, fast möchte man meinen Tag und Nacht. Gedichte, Satiren, Kurzgeschichten. Und dann die unendlichen Übersetzungen: vor allem die Russen haben es dem Slawisten angetan. Aber weil kein Verlag sich für Chodasjewitsch interessiert und auch keine Neuübersetzung von Nabokov, Puschkin oder Bulgakow haben wollte, hat er angefangen, seine Arbeiten ins Internet zu stellen. Das bringt zwar Publikum, möglicherweise auch Anerkennung und Lob, aber kein Geld.

Daher auch die Niebuhrstrasse. Wer wollte sonst einem arbeitslosen Dichter eine Wohnung geben? Wer sonst hätte ihm eine Bleibe gegeben, die der sich auch leisten konnte?

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Aber es scheint Hoffnung zu geben für den Eigenwilligen. Vor kurzem hat man ihm mitgeteilt, dass die ganze Wohnanlage saniert wird. Von Grund auf, immer im Sinne des Denkmalschutzes. Die Keller und die Mauern sollen trockengelegt werden. Die Küche wird verkleinert, so dass ein Duschbad eingebaut werden kann. Decken werden erneuert. Die Wohnungen bekommen auch endlich Heizungen, Gasetagenheizungen. Die neuen Eigentümer haben auch vor, die Wohnungen anschließend an die Mieter als Eigentumswohnungen zu verkaufen - wobei klar ist, dass die wenigsten Bewohner eine schick modernisierte Wohnung werden kaufen können. Auch der Dichter nicht.

In der Zwischenzeit werden die Mieter umgesetzt. Es ist zu befürchten, dass dadurch eine einzigartige Kolonie zerstört wird. Mitten in Charlottenburg, und doch an dessen Rand.

Berlin, August 2003

 


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