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Orthodoxes Ostern in Skopje

von Ulrich Büchsenschütz

 

Die Kathedrale »Sveti Kliment Ohridski« von Skopje, direkt zwischen der »Partizanska« und der »Ilindenska«, an der Kreuzung zum früheren »Boulevard der Jugoslawischen Volksarmee« (heute »Kliment Ohridski«) im Zentrum der Stadt gelegen, ist nicht gerade ein schönes Bauwerk. In den siebziger Jahren entstanden, ragt das Kuppelgebäude aus Beton nicht über die umliegenden Wohnblocks hinaus. Der schlanke Glockenturm, vom Hauptbau getrennt, hat nichts sakrales an sich. Es könnte sich ebenso um einen Uhrturm oder um einen Sendemast für ein Mobiltelefonnetz handeln. Obwohl eindeutig byzantinische Vorbildern nachgeahmt, fügt sich die Kathedrale – die im Inneren übrigens erstaunlich klein ist – in ihrem funktional-rationalen Äußeren allerdings gut in die Umgebung ein.

[Der Patriarch]

Das Stadtzentrum, oder besser gesagt: das, was die Stadtplaner zum Zentrum machen wollten, ist in den sechziger und siebziger Jahren entstanden, nachdem ein verheerendes Erdbeben im Juli 1963 das alte Skopje faßt vollständig dem Erdboden gleich gemacht hat. An die Stelle der an die europäischen Stilrichtungen der Zwischenkriegszeit sich anlehnenden Wohn- und Geschäftsviertel traten breite Boulevards mit einer lockeren Bebauung zu beiden Seiten. Das Erdbeben machte so den Weg frei für die schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg konzipierten Bebauungspläne, die der frisch gebackenen Republikhauptstadt Skopje eigentlich ein typisch stalinistisches Aussehen verschafft hätten. Zwar wurden die ursprünglichen Pläne aus den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren wohl aus Geldmangel nie in die Tat umgesetzt, doch wurden sie nach dem Erdbeben von den Preisträgern des internationalen Wettbewerbs in ihren Grundzügen wieder aufgegriffen. Aus dieser Zeit stammen die beiden Boulevards, zwischen denen heute die Kathedrale liegt: der Boulevard »Partizanski odredi« – »Partisaneneinheiten« oder einfach »Partizanska« und der Boulevard »Ilinden«, nach dem für die makedonische Geschichte symbolisch besonders aufgeladenen Eliastag benannt. Am Eliastag, dem nach heutiger Zeitrechnung 2. August, war 1903 ein Aufstand in Makedonien ausgebrochen, der von der Nationalgeschichtsschreibung als Wendepunkt in der Geschichte des damals zum Osmanischen Reich gehörigen Gebietes gesehen wird. Am 2. August 1944 wurde der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Makedoniens als provisorische Regierung ins Leben gerufen. Und schließlich erhielt am 2. August 1967 die orthodoxe Kirche Makedoniens den Rang einer autokephalen Kirche, deren Hauptkirche nun die Kathedrale von Skopje ist. Dieser eigenständigen Kirche steht seit dem letzten Herbst der Metropolit von Ohrid und Makedonien Gospodin Gospodin Stefan vor.

Ostern ist für die orthodoxen Christen bei weitem das wichtigste Fest. Allerdings gibt es in der Art und Weise, wie das Fest begangen wird, innerhalb der orthdoxen Christenheit doch beträchtliche Unterschiede. Die orthodoxe, die »rechtgläubige« Kirche ist in verschiedene Nationalkirchen aufgesplittert, als deren gemeinsames Oberhaupt im Allgemeinen der Patriarch von Konstantinopel gilt – anders als etwa der Papst jedoch nur als Primus inter pares unter den anderen Patriarchen. Und wie sich die einzelnen Nationalkirchen, die zum Teil noch einmal in verschiedene Fraktionen gespalten sind, durch ihre verschiedene Organisation unterscheiden, so unterscheiden sie sich auch durch die Art, wie das Osterfest begangen wird.

Besonders deutlich treten demjenigen, der nicht dazu gehört, die Unterschiede in der Osternacht von Ostersamstag auf Ostersonntag vor Augen. Ab etwa halb elf Uhr abends wird in der Kirche die Lithurgie begangen, die in den slawischen Ländern meist in kirchenslawisch, in Griechenland entsprechend griechisch gesungen wird. Mit reichhaltig bestickten Gewändern angetan, wird hier das ganze Programm von Ritualen und Handlungen zelebriert, das dem nicht Eingeweihten so fremd erscheint. Hier werden Bibeln dem Volk gezeigt, das mit brennenden Kerzen in den Händen in (und vor allem vor) der Kirche steht. Kruzifixe werden in die Höhe gehalten, Ikonen durch die Kirche getragen. Immer wieder bekreuzigen sich die Gläubigen. Der Gottesdienst eine erstaunlich einseitige Angelegenheit: Die Priester vollführen in einem getrennten Altarraum Handlungen, wobei das Volk nur zusehen kann; was die einzelnen Handlungen bedeuten, verstehen wahrscheinlich die wenigsten. Den Höhepunkt erreicht das Ritual schließlich um Mitternacht, wenn der Priester verkündet: »Christus ist auferstanden!« und die Gläubigen antworten: »Er ist wirklich auferstanden!« In diesem Moment treten die Priester und das Volk zum ersten Mal in Kommunikation.

[Die Prozession]

Genau in diesem Moment offenbaren sich auch die größten Unterschiede, und man ist fast geneigt, sie dem jeweiligen Volkscharakter zuzuschreiben. Um Mitternacht fallen sich die Griechen, ob Mann, ob Frau, um den Hals, küssen sich und rufen sich zu »Christo anesti!«, um schließlich – je nach Gegend – entweder ein Feuerwerk abzubrennen oder mit Pistolen in die Luft zu schießen. Bei den slawischen Völkern geht diese Verbrüderung etwas verhaltener, feierlicher vonstatten. Zwar küßt man sich auch hier, doch fehlt anschließend das Feuerwerk. Die Freude wird nicht hinausposaunt, sondern verinnerlicht.

In Skopje fällt diese Szene beinahe bescheiden aus. Unter den tausenden von Menschen, die sich auf dem Platz und der Kreuzung vor der Kathedrale versammelt haben, wird kein lautes Wort hörbar, kein Schrei, keine Musik, kein Lärm. Man unterhält sich angeregt. Viele haben brennende Kerzen in den Händen, die sie in der Kirche entzündet haben und deren Flammen sie möglichst bis nach Hause bringen wollen. Um Mitternacht packen alle brav ihre mitgebrachten, meist rot gefärbten Ostereier aus, um mit den umstehenden Bekannten in einen stillen Wettbewerb beim gegenseitigen Kaputtmachen der Eier zu treten. Anschließend werden die Eier bei Kerzenschein auf der Straße verzehrt, was in den Seitenstraßen schon romantische Züge annehmen kann. Vor den Wohnblocks sitzend haben Jugendliche ihre Kerzen auf den Boden gestellt; die einen schälen ihre Ostereier, die anderen sitzen rauchend still dabei wie am Lagerfeuer zu vorgerückter Stunde. Es wird getrunken, doch auch dies wird still getan, ohne großes Geschrei. Auch spät in der Nacht hört man nirgends in der Stadt Betrunkene grölen, wie sonst an Samstagen.

Was dem gemeinsamen stillen Ostereierverzehren in Skopje folgte, unterliegt der Spekulation. Leider war der Autor nirgends eingeladen, an einer Familienfeier teilzunehmen. Es ist aber anzunehmen, daß in Analogie zu anderen Ländern, in der Nacht oder am Sonntag ein opulentes, nicht enden wollendes Festmahl stattfand. Der Ruhe auf den sonntäglichen Straßen nach zu schließen, ergab man sich auch hier diesem allgemein-orthodoxen Brauch, der aber auch hier nicht so exzessiv wie in Griechenland befolgt zu werden scheint. Das verbietet meist schon die schlechte finanzielle Lage eines Großteils der makedonischen Bevölkerung.

Schon am Abend nach der großen Feier in der Kathedrale »Sveti Kliment Ohridski« wurden übrigens erste kritische Stimmen laut. Ein makedonischer Privatsender berichtete, daß das Oberhaupt der makedonischen Kirche beim Auszug aus der Kathedrale von einer Gruppe von Leibwächtern einer privaten Sicherheitsfirma umringt war. Einige der Bodyguards sollen dabei Waffen getragen haben. Das eigentlich skandalöse sei aber der Umstand gewesen, daß sich der Metropolit überhaupt durch Leibwächtern vom Volk abschirmen ließ, und dies in einem Moment, wo doch die Verbrüderung aller orthodoxen Christen stattfinden sollte.
 

Skopje, Ostern 2000

 


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