[zurueck] [Itinerarium -- Reiseberichte aus aller Welt]

 

 

Reise von Thessaloniki nach Skopje

von Ulrich Büchsenschütz

 

Ob der Taxifahrer Englisch spricht? Nein? Irgendwelche anderen Sprachen? Italienisch? Deutsch am Ende gar? Alles vergebens. Bleibt also nur die Hoffnung, daß er wenigstens Bahnhof versteht. Egal in welcher Sprache. Hauptsache, er bringt mich ohne Umschweife hin. Nach längerer Verhandlung, einigen Mißverständnissen (Busbahnhof statt Bahnhof) und Anfragen bei der Funkzentrale bin ich am Bahnhof angekommen. Die Fahrt über hatte ich noch versucht, mit dem Taxifahrer andere Möglichkeiten zur Weiterreise nach Skopje zu diskutieren. Die Zahlen, die er mir mit dem Finger auf das Armaturenbrett für die direkte Fahrt nach Skopje oder zum Grenzübergang Gevgelija malte, erschienen mir aber allesamt zu hoch.

Währenddessen waren wir auf der berühmten breiten Straße von Thessaloniki angekommen, die ich auch bei meinem ersten Aufenthalt vor ein paar Jahren aus dem Taxi heraus an mir vorbeiziehen sah. Es schien sich nicht viel geändert zu haben. Der Verkehr genauso dick wie damals. Nur das Wetter war diesmal schlechter. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich das letzte Mal nicht aus der anderen Richtung gekommen war -- schließlich war ich seinerzeit mit dem Bus und nicht mit dem Flugzeug angekommen.

»Wenn du am (orthodoxen) Karfreitag in Thessaloniki ankommst, wirst du nichts finden. Alles wird zuhaben, und keiner wird arbeiten.« So eine griechische Freundin in Berlin. Zum Glück war es nicht so schlimm, hatte ich doch befürchten müssen, daß der Zug, den mir die Internet-Fahrplanauskunft der Bahn in Deutschland angekündigt hatte, wegen des bevorstehenden orthodoxen Osterfestes nicht fahren würde. Die Auskunft im Bahnhofsgebäude teilte mir aber mit, daß der Zug fahren würde. Und zwar genau um halb acht Uhr abends, wie ich dank der deutschen Bahn schon wußte. Es geschehen eben doch noch Zeiten und Wunder.

Auf das Ticket mußte ich jedoch eine Weile warten. Der Beamte, der die internationalen Fahrkarten ausgab, war irgendwo anders beschäftigt. Aber das machte nichts, schließlich hatte ich ja erstmal Zeit. Ich war gegen 16 Uhr angekommen; der Zug sollte um 19.30 gehen. Was sprach also gegen ein bißchen aufmerksame Warterei, außer dem ganzen Gepäck, das man als moderner Reisender mit sich herumschleppt? Das war wieder einmal der Moment, in dem ich die Reisenden vergangener Tage beneidete. Was werden sie schon groß dabei gehabt haben für einen Monat? Was wird einer wie Johann Georg von Hahn bei seiner »Reise von Belgrad nach Salonik« oder Gottfried Seume bei seinem »Spaziergang nach Syrakus« schon im Gepäck gehabt haben? Zum Schreiben wird ihnen ohnehin nichts anderes als vielleicht eine Gänsekielfeder, ein paar Bogen Papier und ein Tintenfaß zur Verfügung gestanden haben. Nicht wie ich, der ich eine Tasche für meinen tragbaren Computer dabeihabe. Fotografiert haben die damals auch noch nicht, also noch eine Tasche weniger. Und den Rucksack für die Kleidung? Der von Hahn war immerhin österreichischer Konsul in Saloniki, also wird er auch jemanden gehabt haben, der ihm seinen Koffer mit den Klamotten getragen hat.

Also sehe ich mich nach einer Gepäckaufbewahrung in dem Bahnhofsgebäude um, das sich mehr und mehr füllt. Draußen hat es inzwischen angefangen zu regnen. Einen Wartesaal gibt es nicht. Nur die große Schalterhalle mit zwei bereits überfüllten Bänken links und rechts. Rechts dann der große Bahnhofsschnellimbiss, der auch Sitzplätze draußen hat. Wohin aber mit dem Gepäck? Also zurück zur Information. Gegenüber in der Ecke; hätte ich auch selber sehen können. Soll ich dem Herren mit dem imposanten Schnurrbart, der mich freundlich auf Englisch begrüßt, wirklich meinen Computer mit all der Arbeit drin anvertrauen? »No problem, Sir!« Wenn er meint. Und dann trägt er ihn tatsächlich wie ein Päckchen roher Eier durch den Raum, um ihn dann behutsam wie ein Neugeborenes ins Regal neben meinen Rucksack zu stellen.

Von dieser Sorge befreit und endlich mit einer Fahrkarte versehen, kann ich mich endlich aufmachen, die Gegend ein bißchen näher zu erkunden. Wenn es etwas zu erkunden gibt. Die Fototasche geschultert (man weiß ja nie) schlendere ich Richtung Innenstadt. Zehn Minuten lang auf der einen Seite der großen breiten Straße, deren Namen ich immer noch nicht weiß: abwechselnd Ersatzteilgeschäfte für Autos und Cafés mit Spielautomaten, dazwischen auch mal ein Schnellimbiß. Dann schließlich ein paar Läden mit Schuhen und Armeekleidung. Soll ich weitergehen? Ich wechsele die Straßenseite, sehe mich kurz um. Es lohnt sich kaum. Also in der Parallelstraße wieder zurück. Dort ist es noch ein bißchen trister als auf der Hauptstraße, aber es gibt wenigstens nicht so viel Lärm.

Was mich eigentlich zum Bahnhof zurückgetrieben hat, war meine volle Blase. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, die Grünanlage vor der Eisenbahnstation ein wenig zu düngen, weil mir bei dem Gedanken an Balkan-Bahnhofstoiletten schlimmes schwante. Es hielt sich jedoch in Grenzen, so daß ich schließlich erleichtert im Bahnhofs-Schnellimbiß bei einer Pizza und einer Tasse griechischen Kaffees ein wenig entspannen konnte. Leider hatte ich nichts zu lesen dabei und auch der nahe Kiosk hatte nichts in einer mir verständlichen Sprache zu bieten. So blieb mir nichts, als auf die große breite Straße hinauszustarren und mit dem Schlaf zu kämpfen.

Bis sich schließlich ein älterer Herr mir gegenüber an den Tisch setzte, um mich seinerseits anzustarren. Balkanblond, mit zerfurchtem Gesicht und blauen Augen. Dann fängt er an, mit seinem Komboloi zu spielen, jener Kette, die in Griechenland jeder anständige Mann mit sich herumträgt und sie dann hervorholt, wenn er nicht weiß, wohin mit seinen Händen. Seine Blicke werden mir langsam zu blöd, auch wenn er wahrscheinlich gar nicht weiß, wie sehr mich das nervt. Ich stehe also wieder auf. Gehe nach meinem Gepäck sehen, was der Herr an der Aufbewahrung mißversteht und es mir zusammen mit der Rechnung bringt. Toll. Jetzt stehe ich da mit dem Gepäck und muß noch zweieinhalb Stunden auf den Zug warten. Wenn es einen gottverdammten Sitzplatz außerhalb des Cafés geben würde, alles wäre halb so schlimm. Aber es gibt keinen, bei dem man nicht mindestens einen von diesen glotzenden Typen halb auf dem Schoß hängen hat.

Irgendeine bequeme Ecke, wo man sich auf den Boden setzen könnte, ist nicht in Sicht. Die Luft in Bahnhofshalle ist in den letzten Stunden auch nicht besser geworden, also sehe ich mir mal den Bahnsteig an, wo ich meine ganzen Klamotten hinschleppe. Ein interessanter Anblick eröffnet sich mir. Nicht nur hängen überall Schilder, die mindestens fünfzig oder sechzig Jahre alt sein müssen, und kleine Uhren, die die Abfahrtszeit anzeigen sollen, aber wahrscheinlich seit wenigstens dreißig Jahren nicht mehr benutzt wurden. Auf den Gleisen stehen ziemlich verbeulte Waggons, aber keine Lokomotiven. Die kommen erst kurz vor der Abfahrt der Züge. Auch mein Zug steht schon da und ich kann mir anhand der Platzkarte schon meinen künftigen Platz ansehen. Ob ich schon einsteigen soll? Lieber nicht, ist bestimmt warm drin. Immerhin sieht er einigermaßen sauber aus, der Zug. »Hellas Express« Beograd--Thessaloniki.

Die Menschen, die sich auf den drei oder vier Bahnsteigen tummeln, haben alle viel Gepäck dabei. Überdimensionierte Plastiktüten, eingeschweißte Plastikmöbel, mysteriöse kleine Päckchen, mehrfach verpackt. Die Menschen, die mit diesem Gepäck die Schalterhalle bevölkerten und jetzt langsam auf die Bahnsteige kommen, sehen aus wie Bauern, was sie wohl auch sein werden. Sie nehmen den ersten Aufgang, der sie auf die Bahnsteige führt, nur um dann über die Gleise zu gehen. Dafür werden sie von einem kleinen, hammerschwingenden Männchen gescholten, was sie wiederum mit Schulterzucken quittieren. Die Züge, in die sie einsteigen, bringen sie nach Kozani oder Xanthi. Wenn sie unterwegs nicht an einer namenlosen Station aussteigen um in ihre Dörfer zu laufen.

Eine Lok fährt vor, um den ersten Zug abzuholen. Der nach Thrakien führt, in die Tabakgegend. Einige Arbeiter koppeln die Lok an. Plötzlich steigt eine Frau mittleren Alters aus der Lok. Sie trägt eine schicke Lederjacke, schwarze Hosen. In der Hand hat sie einen Schrubber. Sie läuft zu einem der Schläuche, die zwischen den Gleisen herumliegen um den Schrubber zu spülen. Dann geht sie zur Lok zurück, klettert die eisernen Stufen hinauf, wo ihr der Lokführer hineinhilft. Sie trägt hochhackige Schuhe. Man sieht sie den Führerstand der Lok putzen, während der Lokführer sich aus dem Fenster heraus rauchend mit einem der Bahnarbeiter unterhält. Auch der Bahnarbeiter trägt Schuhe, die eigentlich nicht zu seiner Arbeit passen. Hohe Absätze, eine breite Schnalle über dem Spann. Genauso wie sie auf dem breiten Boulevard, der am Bahnhof vorbei führt, verkauft werden.

Inzwischen haben sich auch die ersten Mitreisenden für den Zug nach Belgrad über Skopje auf dem Bahnsteig eingefunden. Eine Frau um die Vierzig, mit großem Gepäck: große Plastiktüten mit der Aufschrift von edlen Boutiquen. Ein Typ ohne Gepäck tigert auf dem Bahnsteig auf und ab. Verschwindet in der Unterführung, kommt dann mit einem Fläschchen Wasser und einer Packung Erdnüsse zurück. Schleicht immer wieder um die Frau herum, die anfängt, nervös zu rauchen. Schließlich kommen ihre Mitreisenden. Es sind Serben, die sich in Thessaloniki mit allen möglichen Sachen eingedeckt haben, die sie selber brauchen oder in Belgrad oder sonstwo verhökern können.

Eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt des Zuges ist mir das Rumgelehne auf dem Bahnsteig zu bunt -- es gibt nur eine Bank am falschen Ende. Ich packe meine Siebensachen und steige in den Zug, der immer noch ohne Lokomotive herumsteht. Das erste, was mir dabei auffällt, ist der Geruch. Er erinnert mich an meine Schulzeit, als ich abends ab und an in einer Spedition gearbeitet habe und auch schon mal einen Viehwaggon saubermachen mußte. Es muß der Schweiß von Tausenden von Reisenden sein, der sich in Sitzpolstern festgesetzt hat. Also die Fenster auf. Zum Glück weht vom Meer her ein angenehm frischer Wind.

Allmählich füllt sich auch der Zug. Neben der serbischen Reisegruppe scheinen auch jede Menge Albaner dabei zu sein. Ich bleibe zunächst alleine im Abteil und döse vor mich hin. Aus diesem seligen Halbschlaf werde ich durch den Ruck gerissen, als die Lokomotive auf die Waggons auffährt und angekoppelt wird. Es kann also nicht mehr lange dauern.

Endlich: langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Meine Stimmung steigt, bleibt aber gedämpft, denn wir fahren durch den Industrievorort von Thessaloniki. Wir fahren nicht besonders schnell, doch schnell genug, die Gebäude im warmen Abendlicht nur kurz betrachten zu können. Einzig die Keksfabrik Papadopoulos fällt mir auf.

Als wir schließlich die Stadtgrenze hinter lassen, zeigt sich das gleiche Bild wie aus dem Flugzeug, als man im Landeanflug eine reiche Agrarlandschaft mit kleinen Feldern und Bauernhöfen sehen konnte. Eine Landschaft, die erst seit 1912 zu Griechenland gehört und um die es vorher schon einen erfolglosen Krieg geführt hatte. Und plötzlich taucht auf einer Wiese ein Roma-Camp auf. Es ist riesig, ohne feste Häuser. Zelte, Wohnmobile, Lastwagen weit verstreut. Dazwischen Menschen, die in Gruppen hin und herlaufen. Ein Bild wie aus einem Film von Emir Kusturica. Das erinnert mich daran, daß ich in Skopje unbedingt die Roma-Siedlung besuchen muß, die nach dem Erdbeben von 1963 außerhalb der Stadt entstanden war und die Kusturica in »Time of the Gypsies« als Ausgangspunkt seiner Geschichte gedient hatte.

Kurz hinter diesem romantisch-verwahrlosten Anblick betritt der Schaffner das Abteil. Er sieht aus wie alle Schaffner dieser Erde und tut fast das gleiche wie alle Schaffner dieser Erde: »Your ticket, please!« Na gut. Keine zwei Minuten später öffnet ein schlecht gekleideter Typ die Tür des Abteils: »Your passport!« Ich sehe ihn an. Wühle nach meinem Pass, finde ihn und stutze. Wieso sollte ich einem Typen, der eher wie einer aussieht, der den ganzen Tag in irgendwelchen Cafés rumhängt, wieso sollte ich so einem meinen Pass geben? »I am Greek police.« Aha, und wieso hat er keine Uniform an? Immer noch zögere ich. Langsam scheint er zu begreifen, daß ich ihm mißtraue. Wahrscheinlich war ich nicht der erste. Also zückt er seinen Dienstausweis. Ich versuche das schmierige Dokument noch zu entziffern, da entreißt er es mir auch schon wieder. »Your passport.« Widerwillig gebe ich ihn her. Zur Not habe ich ja auch noch meinen Personalausweis dabei. Der sollte ja wohl reichen für Griechenland. Gehört immerhin zur EU. Und dann faselt der Typ schnell noch was von Polizei und Grenze und verschwindet.

Klasse. Und wenn ich jetzt irgendeinem dahergelaufenen Betrüger meinen Pass gegeben habe? Wie soll ich dann nach Makedonien reinkommen? Halt. Ich bin ja schon in Makedonien, aber eben noch im griechischen Teil. Nachher werde ich in die sogenannte FYROM einreisen, die Frühere Jugoslawische Republik Makedonien. Auf dem Flug von Athen nach Thessaloniki war nicht ein einziges Mal die Rede davon, daß die nordgriechische Hafenstadt tatsächlich auch in Griechenland liegt. Immer wurde die Stadt »Thessaloniki, Macedonia« oder »Salonica, Macedonia« genannt. Leider konnte ich beim Verlassen des Flugzeugs nicht sehen, ob das Flughafengebäude immer noch von dem Motto »Makedonien war, ist und bleibt griechisch« geziert wird. Was hatte es Anfang der neunziger Jahre nicht für ein Geschrei auf griechischer Seite wegen des Namens »Republik Makedonien« gegeben, wie sich die ehemalige jugoslawische Teilrepublik mit der Hauptstadt Skopje heute selbst bezeichnet. Man warf der dortigen Regierung Diebstahl historischen und kulturellen Eigentums vor. War nicht Alexander der Große ein Makedonier und Grieche? War die Sonne von Vergina, die die neue ex-jugoslawisch-makedonische Flagge schmückte, nicht in Griechenland gefunden worden?

Und heute, ein Jahr nach der Kosovo-Krise? Ein Berliner Journalist, Niels Kadritzke, ist der Meinung, daß die Griechen wirklich froh sind, daß es diesen Staat mit dem ungeliebten Namen gibt, der die ganzen albanischen Flüchtlinge aufgenommen hatte. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, dann hätten die Griechen ihn erfinden müssen, sagt er. Und weil sie die Sache mit dem Namen immer noch nicht vergessen haben, lieben die Griechen die makedonischen Staatsbürger ganz besonders, wie sich an der Grenze noch einmal deutlich zeigen wird. Und die Kosovaren.

Wieder öffnet sich die Tür des Abteils. Diesesmal eine junge Frau mit wasserstoffblonden Haaren. Einigermaßen anständig gekleidet mit Kostüm. Kein Gepäck, nur eine Plastiktüte. Sie fragt schüchtern, ob noch frei sei bei mir im Abteil. Ich bejahe, und fast im gleichen Moment geht wieder die Tür auf, und ein unrasierter Kerl um die sechzig, im Hawaiihemd und hellen Sakko stürmt herein. Kurze Frage, die keine Antwort zuläßt, dann den Koffer auf die Gepäckablage über unseren Köpfen gewuchtet und in den Sitz fallen lassen. »Gottseidank bin ich da raus.« Mit dem Daumen deutet er auf das Abteil in unserem Rücken. Auch die junge Frau macht einen erleichterten Eindruck.

Die beiden gehören nicht zusammen, wie ich zuerst dachte. Sie haben nur offensichtlich zusammen mit ein paar Albanern das Abteil teilen müssen, ob sie wollten oder nicht. Ich bin froh, nicht mehr allein im Abteil zu sein, und sie sind froh, nicht mehr mit »denen« zusammen zu sein. Und dann geht es gleich los: die sind unmöglich, die stinken etc. Schlimm. Noch bevor sie realisieren, daß ich sie verstehe, haben sie schon eine Hasstirade auf die Albaner abgelassen. Und weil sich mit diesem gemeinsam Hass auf die »Schiptaren« so schön eine gemeinsame Grundlage für die weitere Kommunikation schaffen läßt, fängt der Alte gleich das südbalkanische Ausfragespiel an, daß er so meisterlich beherrscht, wie ich später noch feststellen werde. Zunächst geht es darum, festzustellen, woher der andere kommt und was der andere macht. Wenn man dann eine Chance sieht, eine gemeinsame Grundlage zu finden, geht es weiter und man kann sich auch über andere Dinge unterhalten. Aber die gemeinsame Grundlage ist für die weitere Unterhaltung von entscheidender Bedeutung. Und was sollte sich besser eignen für eine solche Basis als gemeinsame Bekannte?

Im »zivilisierten« Europa spielt kaum noch jemand dieses Spiel. Nun, vielleicht auf irgendwelchen Cocktailparties. Und dann bezeichnet man es abschätzend als »name-dropping« oder ähnliches. Hier auf dem Balkan scheint es eine wesentliche Grundlage des alltäglichen Umgangs zu sein. Noch dazu für jemanden wie den älteren Mann, der sich schnell und in einem Nebensatz als Vlache vorstellt und offensichtlich erwartet, daß man ihn dafür zumindest ein bißchen bewundert und seine Neugier nicht weiter hinterfragt. Die Vlachen sind eine ethnische Gruppe, die hauptsächlich in Griechenland und dem früheren Jugoslawien leben. Sie sprechen unter sich eine dem Rumänischen verwandte Sprache mit vielen slawischen und griechischen Einsprengseln und sind in die jeweiligen Staaten gut integriert. Oft werden sie wegen ihrer geschäftstüchtigkeit mit den Juden verglichen.

Es dauert ein bißchen, ungefähr 15 Minuten, da habe auch einen gemeinsamen Bekannten mit dem Vlachen; wir sind uns einig in der Abneigung gegen den Bürgermeister von Plovdiv in Bulgarien, mit dem wir beide vor ein paar Jahren schlechte Erfahrungen gemacht haben. Aber das ist noch nichts gegen das, was später bei dieser Suche nach gemeinsamen Bekannten noch herauskommen sollte.

Die Landschaft draußen verändert sich langsam. Vom fruchtbaren griechisch-makedonischen Flachland sind wir bereits am Vardar angelangt, der sich hier in einer schönen Auenlandschaft nach Süden bewegt. Von jetzt werden wir dem Tal dieses Flusses nach Norden folgen, bis wir in Skopje angelangt sind. Es wird immer dunkler, und hinter den Bäumen kann man nur erahnen, daß wir allmählich in die Berge fahren. Es ist auch merklich kühler geworden, doch sobald man die Fenster schließt, wird es schnell wieder zu warm im Abteil.

Und dann schon die Grenze. Wir müssen ungefähr eine oder anderthalb Stunden gefahren sein. Ein erster vorsichtiger Blick nach draußen. Ein kleiner Bahnhof: Idoumeni. Mein Pass fällt mir wieder ein. Neben mir steht der kleine Vlache im Gang und zeigt auf ein hell erleuchtetes Büro am Ende des Bahnhofsgebäudes, wo man den Typen sehen kann, der mir den Pass abgenommen hat, wie er mit einem Finger irgendwelche Sache aus den eingesammelten Pässen in den Computer eingibt. Dem Stapel von Pässen auf seinem Schreibtisch und der Geschwindigkeit, mit der er tippt nach zu schließen, kann es sich nur um Stunden handeln, bis wir endlich weiterfahren. Der Vlache meint: »Da hinten kriegen wir nachher unsere Pässe wieder. Wir müssen da hingehen.« Aha. Gut, daß er mir das sagt. Ich hatte gedacht, der Kerl bringt mir meinen Ausweis zurück, wenn er ihn schon mitgenommen hat. Derweilen sehe ich, wie manche Reisende doch sichtlich nervös werden bei der ganzen Prozedur. Es scheint aber kein nationales Problem zu sein. Hierin sind sich Serben (wie unsere Mitreisende, eine Jura-Studentin, die ihren griechischen Liebhaber in Thessaloniki besucht hatte) und Albaner ausnahmsweise einmal einig. Allerdings hat die Nervosität der Serbin einen anderen Grund, den ich nicht ganz durchschaue. Irgendwas ist mit ihrer Fahrkarte.

Einen anderen Serben erwischt es wirklich böse. Als wir schon vor dem Büro stehen und auf unsere Pässe warten, wird er plötzlich hinein »gebeten«. Da sitzt er, während ein griechischer Grenzer bedeutungsvoll in Papieren wühlt, den Paß vor und zurück blättert und dabei auf den Serben einredet. Dann die Paßausgabe. Der Serbe wird in Büro immer nervöser. Zuerst sind die griechischen Staatsbürger an der Reihe, wie es sich gehört. Sie werden namentlich aufgerufen, treten dann vor und erhalten entweder einzeln oder in Gruppen die Dokumente zurück. Gehässige Kommentare des Vlachen: »Ich mag die Griechen nicht.« Mein Kommentar: »Mal sehen, ob er meinen Namen auch vorlesen kann.« Dann die anderen EU-Bürger, d. h. in diesem Fall: der EU-Bürger, denn ich bin der einzige. Der Beamte will mit dem Vorlesen weitermachen. Schlägt den Paß auf. Setzt an. Stockt. Sieht mich an. Und gibt mir indigniert und wortlos den Paß zurück. Der Vlache grinst und fühlt sich in seiner Meinung bestätigt. Ich auch. Es war auch noch ein japanischer Paß, aber kein dazu passender Reisender da. Wahrscheinlich hat ihm oder ihr niemand gesagt, daß man zur Polizeistation kommen muß wegen des Ausweises. Ganz am Ende kommen dann die makedonischen Staatsbürger an der Reihe, um ihnen zu zeigen, wie sehr man sie schätzt.

Ich gehe inzwischen zum Zug zurück und spreche ein bißchen mit der Serbin, die keinerlei Probleme mehr hat und irgendwie erleichtert wirkt. Die Beamten machen den serbischen bzw. jugoslawischen Bürgern keinerlei Probleme und sammeln nicht einmal die Pässe ein. Soviel zum griechisch-serbischen Verhältnis. Große Politik auch im kleinen Rahmen. Endlich steigt auch der einkassierte Serbe wieder in den Zug. Er steht jetzt neben mir auf dem Gang. Seine Knie schlottern. Seine Hände zittern. Er versucht, seine Papiere wieder in Ordnung zu bringen. Ich wage nicht, ihn zu fragen, was passiert ist. Genausowenig, wie ich wage, zu fotografieren, was als nächstes passiert.

Ich hatte mich schon wieder auf meinen Platz gesetzt in der Hoffnung, daß es jetzt wieder losgeht, als mich die Serbin darauf aufmerksam macht. Ich sehe aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig stehen einige Soldaten mit Maschinengewehren und Polizisten mit Gummiknüppeln. Sie bilden ein Spalier vom Wartesaal bis zum letzten Waggon. Und dann geht die Tür des Wartesaals auf, und ein paar Männer in Lederjacken mit Plastiktüten in den Händen werden heraus- und mit den Gummiknüppeln weiter getrieben zum Zug. Es müssen ungefähr zwanzig oder fünfundzwanzig gewesen sein, die da unter Gewalt abtransportiert wurden.

Obwohl sich meine beiden Mitreisenden vorhin noch so abfällig geäußert hatten gegenüber den Albanern, die man nicht ertragen könne und die eine Gefahr darstellten und mit denen man eigentlich sonstwas anstellen müßte, ist man sich jetzt doch wieder einig, daß eigentlich die Griechen die Bösen in dem ganzen Spiel sind. Und tatsächlich ist es ein unwürdiges Schauspiel, wie diese müden und verängstigten Leute wie Vieh behandelt werden, um sie über die Grenze abzuschieben. Es ist überhaupt nicht klar, wo sie wieder freigelassen werden sollen. In Skopje erfahre ich von einem Mitarbeiter der OSZE-Mission, daß es sich um Kosovaren handelt, die regelmäßig abgeschoben werden. Ob direkt in den Kosovo oder nach Makedonien, bleibt dabei unklar. Denn der Zug hält eigentlich nicht im Kosovo bei seiner Weiterfahrt nach Belgrad.

Nachdem dieses unwürdige Schauspiel beendet und die Kosovaren im bewachten Waggon untergebracht wurden, ruckt der Zug wieder, nur um ein paar Minuten später am ex-jugoslawisch-makedonischen Kontrollpunkt Gevgelija wieder zum Stehen zu kommen. Hier steigen die Grenzpolizisten und Schaffer nur ein und fahren dann bis Skopje mit. Nicht wieder dieses dumme Spiel mit Pässeeinsammeln, Aussteigen, Namen vorlesen, Pass wiederbekommen, wieder einsteigen. Außerdem hört sich die Lokomotive inzwischen anders an. Nicht mehr wie eine richtige Diesellok, sondern vielmehr wie ein kleiner Traktor. Mein vlachischer Mitreisender -- die Studentin ist ausgestiegen -- bestätigt, daß die Lok an der Grenze ausgetauscht wurde und jetzt eine makedonische Maschine die Arbeit übernommen hat.

Ich sehe auf die Uhr. »Wir sind ein bißchen spät dran heute, wahrscheinlich wegen der Albaner.« Der Vlache in meinen Abteil fährt regelmäßig die Strecke, und er meint, daß wir gegen halb zwölf in Skopje sein werden. Ortszeit. Denn während in Griechenland osteuropäische Zeit herrscht, muß die Uhr nach dem Grenzübertritt auf ehemals jugoslawisches Gebiet wieder eine Stunde zurückgestellt werden. Das heißt, daß der Zug gute fünf Stunden für die etwa 200 Kilometer von Solun, wie die Slawen Thessaloniki nennen, nach Skopje brauchen würde. Also habe ich noch ein paar Stunden für ein Nickerchen, das ich dringend nötig hätte, denn ich bin seit morgens um fünf Uhr auf den Beinen.

Leider komme ich nicht zum schlafen. Kaum hatte ich es mir in meiner Ecke des Abteils bequem gemacht, geht die Kontrolliererei wieder los. Erst die Fahrkarten, auf die der Schaffner mit einem Kugelschreiber den Reisetag schreibt; einen Knipser hat er offensichtlich nicht. Dann die Passkontrolle; ich bekomme wieder einen Stempel, muß ein zweiteiliges Formular ausfüllen, von dem der Grenzbeamte die Hälfte abtrennt. Und wieder ein paar Minuten später der Zoll. Ein Blick auf meinen Rucksack, dann: »Aufmachen!« Ich hole ihn von der Gepäckablage, fange an ihn zu öffnen. Der Vlache bewahrt mich vor dem Durchwühlen. Erklärt dem Zöllner kurzerhand, daß ich »zu ihm gehöre.« Sichtlich enttäuscht zieht der Zöllner ab. Keine Ahnung, was mein Mitreisender für einen Einfluß hat. Ja, er ist ein ziemlich hohes Tier bei einer früher staatlichen Spedition. Wahrscheinlich kennt er den Zollbeamten von seinen früheren Reisen. Und dessen Bekannte.

Genauso, wie er die Leute kennt, die am nächsten Bahnhof, Negotino, zusteigen. Oder nicht? Er beginnt wieder sein überaus effektives Ausfragespiel. Zuerst den Mann: Ob er denn aus Negotino sei? Wie alt er sei? Und wie er heiße? Weil er nicht sicher ist, ob der den Namen schon einmal gehört hat, setzt er anders herum an. Ob er denn Fußball spiele oder die Fußballer der örtlichen Mannschaft kenne? Und das funktioniert. Denn der Vlache war und ist neben seinem Job bei der Spedition auch noch Fußballtrainer. Und als solcher hat er auch, in den siebziger Jahren, die Mannschaft von Negotino trainiert. Und weil er aus dieser Zeit noch alle kennt, werden mit dem neuen Mitreisenden alle gemeinsamen Bekannten durchgehechelt. Die Begleiterin des Neuen, die ein paar Jahre jünger ist, wird zunächst ignoriert, und dann mit ein paar gezielten Fragen abgeklopft. Als sich heraustellt, daß sie nicht aus Negotino, sondern aus Kavadarci stammt, sind ein paar blöde Sprüche über ihre Heimatstadt fällig, die nicht besonders beliebt zu sein scheint.

So vergeht die Zeit bis (Titov) Veles mit Fragen über Fußball und die gemeinsamen Bekannten. Das hat zumindest den Vorteil, daß ich nicht mehr Mittelpunkt des Gesprächs bin und ich mich dem Schlaf überlassen könnte, wenn er denn käme. Dann wieder ein Stopp, der letzte auf dem Weg nach Skopje. Diesesmal werden uns von den Bahnbeamten, die keine auf dem Gang herumlungernden Reisenden dulden, zwei stark parfümierte junge Männer ins Abteil gesetzt. Damit ist die Herrschaft des Vlachen über das Abteil gebrochen. Weil er von den beiden keine vernünftigen Antworten auf seine Fragen bekommt und die auch noch zurückfragen, beginnt eine Art Wettstreit, der zugunsten eines ungemein eloquenten Radiomoderators, wie er selbst sagt, ausgeht. Gegen diesen Quasselkopf haben weder der Vlache noch mein Schlaf eine Chance. Als der Zug endlich in Skopje einrollt, und ich mich mit dem ganzen Gepäck durch die Gänge gekämpft habe, platzt mir fast der Schädel. Die Leute auf dem Bahnsteig scheinen merkwürdig gefaßt und schweigsam zu sein.

Ein Taxifahrer nimmt mir meinen Rucksack ab und bringt mich mit seinem unglaublich verrotteten Fiat Mirafiori zu der Adresse, die ich ihm sage. Ich habe keine Lust, noch irgendwas zu hören oder zu sehen. Ich will nur noch duschen und schlafen und alles vergessen.
 

Skopje, im Mai 2000

 


© Itinerarium 2001 – WebDesign: Eric Boerner